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Goli otok: Titos KZ-Insel für politische Gegner

02.04.2015

Wer an der Kvarner Bucht auf der Küstenstraße entlangfährt, kommt zwischen Senj und Jablanac an einer besonders unwirtlichen Insel vorbei: kein Baum, kein Strauch ist dort zu sehen. Die Insel heißt Goli otok (auf Deutsch: nackte Insel). Hier hatte Jugoslawiens marxistischer Diktator Josip Broz Tito nach dem 2. Weltkrieg ein Straf- und Arbeitslager für die Elite seiner politischen Gegner eingerichtet.

Titos KZ-Insel Goli otok
Titos KZ-Insel Goli otok (Mitte), dahinter die Insel Grgur, links die Nordspitze der Insel Rab, im Hintergrund die Insel Cres, aufgenommen nahe Klada (Bild: Gösta Thomas)

Auf der KZ-Insel waren sie alle versammelt, durch die der Diktator seine Herrschaft bedroht sah: Kommunisten, die Titos Bruch mit Stalin nicht mitmachen wollten, serbische Tschetniks und Monarchisten, albanische, slowenische und kroatische Nationalisten ... Insgesamt mehr als 16.000 Menschen waren auf Goli otok gefangen, mehrere Hundert kamen zu Tode. Manch Altkommunist, im Krieg Kämpfer in Titos Partisanentruppe, aber später beim Diktator in Ungnade gefallen, hat sich dann auf Goli otok im Kreise derer wiedergefunden, die er einige Jahre zuvor selbst dort eingekerkert hatte. Vermutlich mußten solche Typen auf die unter politischen Gefangenen sonst übliche Solidarität eher verzichten.

Daß Goli otok von der Küstenstraße gut sichtbar war, diente wohl auch der Abschreckung, dem marxistischen Diktator bloß nicht zu widersprechen. Im Gegensatz zu den US-Folterlagern in Guantanamo auf Kuba, in Polen und Rumänien, die verborgen eingerichtet wurden, und deren Existenz nur durch Geheimnisverrat öffentlich wurde. Die KZ-Insel wurde auch nach Titos Tod bis zum Jahr 1988 als marxistisches Straf- und Arbeitslager betrieben.

Josip Broz Titos Gewaltherrschaft sind insgesamt über 1.000.000 Menschen zum Opfer gefallen (soweit glaube ich Wikipedia). Trotz seiner Verbrechen war er international hoch geachtet. So erhielt er im Jahr 1974 die Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der BRD und nahezu gleichzeitig den Karl-Marx-Orden der DDR. Mit dem Karl-Marx-Orden wurde er 1977 zum zweiten Mal ausgezeichnet. Zum Vergleich: Stasi-Boss Erich Mielke hat den Karl-Marx-Orden insgesamt fünf mal erhalten. Ohne die Verbrechen Mielkes kleinreden zu wollen (das ist nicht meine Absicht): Gemessen an der Zahl der Todesopfer hätte die DDR den Orden an Tito mindestens 500 mal verleihen müssen. Nur zweimal? Da war die DDR echt knauserig!

Heute ist Goli otok unbewohnt. An der Küstenstraße gibt es keinen Hinweis auf die einstige politische Nutzung der Insel als KZ. Wer mit einer Reisegruppe in der Kvarner Bucht unterwegs ist, erfährt vom kroatischen Reiseleiter bestenfalls, daß auf der Insel früher Sträflinge untergebracht waren. Die Reiseleiter werden in Kroatien staatlich lizenziert und sind angehalten, zu zeitgeschichtlichen und politischen Themen möglichst nichts zu sagen. Manch einer bricht aber bereitwillig das auferlegte Schweigen, wenn mehrere Leute der Reisegruppe beharrlich gerade solche Fragen stellen.

Übersicht: Goli otok - Links:

veröffentlicht in kat_Reisen, kat_Politik

 

Kommentare: 2

VerfasserAnnika Senger
Datum / Zeitam 26.07.2017 um 07:51:44
Internet-Adressehttps://www.kroatien-liebe.com
IP-Adresse77.12.23.254

Vielen Dank für die aufschlussreichen Insider-Informationen! Obwohl ich ein Kroatien-Portal betreibe, muss ich leider gestehen, dass ich Goli otok bisher noch nicht besucht habe. Von Urlaubsorten auf Krk oder an der Kvarner Bucht (z.B. Crikvenica) werden dorthin Fahrten mit Ausflugsbooten angeboten. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Reiseleiter dann die Verbrechen nur vage andeuten. Gerade in der Gegend wird Tito noch sehr viel Sympathie entgegengebracht.

Verfasserich selbst
Datum / Zeitam 26.07.2017 um 22:26:50
IP-Adresse185.17.204.236

Seit 2008 war ich fast 20 mal in Kroatien, und zumindest mir ist bislang noch niemand begegnet, der Tito nachtrauert. Früher war Wohnen billiger, und jeder hatte seine Wohnung. Das stimmt. Nach der Unabhängigkeit ist Wohnen teuer geworden. Aber fast keiner sehnt sich Titos Zwangsstaat zurück.

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